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Moderne Gesellschaft in Russland
in einem Transformationsprozess

Autorin: Olga Smokotova. Nach allen klassischen Kriterien ist die moderne Gesellschaft in Russland eine Gesellschaft des Übergangs- und Transformationstyps. Die Analyse der Stimmungen von Menschen in einer solchen Gesellschaft ist keine leichte Aufgabe. Es ist nicht einfach, Übergangsphänomene zu erfassen und zu erklären, die noch nicht vollständig strukturiert sind, sondern nur skizziert werden und gerade eben eine bestimmte Form annehmen. Die russische Geschäftskultur ist gerade eben im Entstehen – vom Homo Sovieticus zu Homo Capitalisticus. Russische Geschäftsleute haben noch keine Stereotypen der Geschäftskommunikation ausgearbeitet, sie befinden sich noch in der Phase dessen Entwicklung. Aus vielen Gründen (einschließlich historischer und wirtschaftlicher) verfügen viele Geschäftsleute noch nicht über relevante Erfahrungen bezogen auf die neue wirtschaftspolitische Ordnung, die ebenfalls in der Entwicklungsphase ist.

Russland ist wie eine Matrjoschka!
Sie wissen nie, was und wie viele drinnen sind…

Russland wie Matrjoschka

Am Besten kann man einen russischen Menschen mit einer Matrjoschka vergleichen. Sie wissen nie vorab, welche Gesichter und wie viele davon drin stecken. Außen kann ein Gesicht sein, aber tief innen ein ganz Anderes.
Heute ist die moderne russische Geschäftskultur ein Flickenteppich von Verhaltensweisen: die Überreste des Befehlsverwaltungssystems der Sowjetunion, Entnahmen aus westeuropäischer Businesstheorie und -praxis, aber auch spezifische russische Besonderheiten aus tausenden von Jahren Volks- und Landeskultur. Wir schauen uns einige grobe Verhaltensmuster an.

Homo Sovieticus als Ausgangspunkt

Es wäre vielleicht keine schöne, aber immerhin eine heile Welt, mit stark etablierten Normen, Prinzipien, Verhaltensregeln, Werten und Orientierungen. Aber es gab noch keinen privaten Unternehmer dort und dementsprechend keine Geschäftskultur, so wie wir sie in Deutschland kennen.

Der sowjetische Mensch war irgendwie ein Phänomen. Wir nennen ihn daher Homo Sovieticus. Er wurde nach den besten, fast biblischen Grundsätzen „gebaut“ und war ein Vorbild für sich selbst – weil er als Ideal gedacht war. Der Sowjet war ein Kasache, ein Moldauer, ein Litauer, ein Russe und ein Ukrainer. Jeder von ihnen besaß nationalstaatliche Eigenschaften und war Träger der Traditionen seines Volkes. Aber wenn man das Besondere dem Allgemeinen unterordnete, sammelten sich alle diese Ethnotypen irgendwie zu einem Ganzen und absorbierten das Beste aus der Vielfalt. So wurde dieses einzigartige Kind vieler Eltern geboren, bei dem russische Toleranz mit kaukasischem Temperament und Herzlichkeit einherging, asiatische List und Weisheit die baltische Ruhe ergänzten.

Homo Sovieticus als Ausgangspunkt
Homo Sovieticus

Eigenschaften des Homo Sovieticus

Wer war denn dieser Mensch? Der Homo Sovieticus?
Er war energisch und fleißig bis zur Selbstaufopferung, zeigte aber gleichzeitig Apathie ohne Eigeninitiative. Er war anständig und kooperativ bis es nicht mehr geht, aber er stahl von seinem Unternehmen alles, was möglich war, ohne dies als einen Diebstahl zu sehen. Er hatte höchste Moralvorstellung, schrieb aber ohne viel Überlegung Beschwerden an das Parteikomitee.

Er war ideologisch geprägt und stolz auf sein eigenes Land und dessen Errungenschaften. Er bewunderte jedoch gleichzeitig jeden Ausländer aus dem Westen, weil da, seiner Meinung nach, irgendwie alles besser war. Er war Partei-ergeben, aber gleichzeitig kritisch zum System, hörte Radio BBC, las heimlich Solschenizyn und Brodsky. Er war super ausgebildet, aber schlecht in der Selbstdarstellung, bescheiden und barmherzig.

Er war gastfreundlich und hilfsbereit, aber oft an der Grenze zur Selbstzerstörung wegen übermäßigem Alkoholkonsums. Er besaß die endlose Weite der Seele und Aufrichtigkeit und hat sich niemals an Geld gemessen.

Homo Capitalisticus als große Transformation der 90er

In den 90er Jahren, als die Sowjetunion zusammenbrach, wurden überall Fabriken, Werke und wissenschaftliche Forschungsinstitute geschlossen. Viele Menschen hatten weder Arbeit noch Einkommen. Die Ära der Macht des Geldes ist gekommen. Der Staat hat aufgehört, sich um seine Bürger zu kümmern – kostenlos zu lehren, zu heilen und Arbeit zu besorgen. Überlebe, wie du willst! Freiheit wurde gewonnen, aber niemand wusste, wie man sie benutzt. Die Aufregung und die Welle der Romantik vor dem Hintergrund des Ordnungswechsels wurden durch Apathie und Aggression ersetzt. Der Zusammenbruch der alten moralischen Werte, das Wachstum des Banditentums und die geistige Kluft zwischen den Generationen wurden zu den Krankheiten der Ära.

Die Geschäftswelt ist grausam und gnadenlos. Zu den Stärksten zu gehören heißt, zu ihrem eigenen Vorteil über Leichen zu gehen.
Das Wertesystem hat sich drastisch verändert.
Unter dem Druck der Schocktherapie musste sich der Homo Sovieticus zu Homo Capitalisticus umwandeln.
Diese Schule des Überlebens hat einige neue Eigenschaften bei der Bevölkerung bewirkt.

Neben den persönlichen und staatlichen Tragödien, Gesellschaftsspaltung in arm und reich, entstanden auch ganz andere Fähigkeiten, die auch positiv zu bewerten sind. Die 90er Jahre nur mit schwarzer Farbe zu malen wäre dumm und unfair. Das Jahrzehnt radikaler demokratischer- und Marktreformen hat Russland viel gebracht – Marktwirtschaft, Offenheit des Landes und Blüte privater Initiativen, sowie Rückkehr zu nationalen Werten und Glaubensrichtungen, die eine positive treibende Kraft für die russische Geschäftskultur haben.

Homo Capitalisticus a la 90er – Brillanz und Elend

Homo Capitalisticus hat ziemlich schnell die Partei-Ideologie gegen Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ausgetauscht. Auch, wenn er dabei seine individuelle Rationalität über das kollektive Dasein stellen musste. Einige gingen über alle Gesetze und moralischen Werte und ersetzen diese durch einen Banditen-Codex. Bildung, Berufserfahrung und Professionalität, sogar Talent, haben ihren Wert verloren. Die Ideale und Menschenbilder haben sich um 180° geändert. 5-Jahres Pläne der Sowjetunion wurden durch Ein-Tag-Leben ersetzt. Drogen, Alkohol und Unzucht wurden salonfähig. Der Weg nach Westen hat sich für viele geöffnet. Gierig hat man den Westen erkundet. Um seine menschliche Würde zu behalten bedarf es dringendst Eigeninitiative und Eigenverantwortung für sich selbst und die Familie zu entwickeln. Die russische Geschäftskultur begann zu entstehen in einer sehr turbulenten Zeit.

Homo Sovieticus als Teil der russischen Geschäftskultur

Russen traten zurück, aber haben überlebt. Es blieben nur eine Verwüstung im Land und Verwüstung in ihren Köpfen, Abwertung, Armut, eine Parade von Souveränitäten, die die Illusion der Völkerbrüderschaft begrub. Aber egal was – die Russen haben etwas Wichtiges aufbewahrt. Sie überzeugten sich davon, alles Sowjetische in sich begraben zu haben, aber sie hörten nicht auf, unter Nostalgie nach der UDSSR und der Zeit zu leiden, aus der sie damals laufen wollten.

Und da zeigt er sich wieder, der Homo Sovieticus: Sturheit, Ausdauer, Fleiß, der Wunsch, alles dafür zu tun, dass die Kinder glücklich aufwachsen und unbedingt viele Bücher lesen … Das Bedürfnis zu leben, wenn auch nicht reich, aber mit Würde. Dieser neue Homo Sovieticus ist nicht mehr derselbe. Aber er lebt. Die russische Geschäftskultur hat ihn immer noch als einen festen Bestandteil in ihrer bunten Mischung. Die Jugendlichen der 90er kommen jetzt an die führenden Positionen und prägen das Bild der Gesellschaft.

Die russische Geschäftskultur 2020 - eine schwere Geburt
Russische Geschäftskultur im Entstehen

Die Russische Geschäftskultur 2020

Aus den zwei Gegensätzen Sovieticus und Capitalisticus entstand das unscharfe und nicht eindeutige Bild des russischen Geschäftsmanns von heute. Das Land kehrte zurück zur Geburt der unternehmerischen Tätigkeit. Es erinnert an die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, als Lenin die Neue Ökonomische Politik ins Leben gerufen hat sowie an die Zeit der großen Industrialisierung der 30er Jahre.

Kleine und Mittelstandsunternehmen sind im Entstehen mit gleichzeitigem Anwesen der staatlichen und privaten Unternehmensriesen, die in ihrer Organisation und Aufbau sehr starke Züge der starren „behördlichen“ Strukturen ausweisen und eher im Gegensatz zur privaten unternehmerischen Initiative stehen. In den vergangenen 30 Jahren hat die russische Psychologie sich stark verändert. Es besteht eine große Notwendigkeit die menschliche Initiative und Aktivität sowie die Fähigkeit zu selbstständigem Denken und Eigenverantwortung zu fördern. Die russische Geschäftskultur nimmt einige klare Merkmale.

Die Russische Geschäftskultur heute –Profil des Geschäftsmannes

Russische Geschäftsleute repräsentieren heute das gesamte Spektrum der ehemaligen Sowjetgesellschaft: rote Direktoren, ehemalige Komsomol- und Parteiführer, Ladenleiter und Büroleiter, Musiker, Ärzte, Lehrer, Taxifahrer, Spekulanten, Kriminelle. Gemeinsam haben sie viele Punkte:

Keine ideologischen oder sozialen Vorgänger

Das Land, das System, die Zeit, die wirtschaftspolitische Ordnung sind viel zu neu. Alles muss neu und passend zu dem aktuellen Geschehen entwickelt werden.

Kein etabliertes Wertesystem

Russische Geschäftsleute haben noch keine gemeinsamen Werte. Einer ist Neoliberal, der andere Kommunist oder Patriot, der Dritte ist einfach nur christlich oder Muslim – und alle haben nicht mal in den eigenen Überzeugungen viel Erfahrung.

Aus diesen Tatsachen ergeben sich auch keine gemeinsamen sozialen Ziele: das Land und das Volk sind in der Findungsphase.

Scheinwelt, Doppelmoral und die Angst vor Verantwortung

Die Mentalität entwickelt sich im Laufe der Jahre und diese Jahre sind in die Zeit der Doppelmoral des russischen Sozialismus gefallen. Die lauten Erklärungen und die erklärten „richtigen“ Ziele wurden erfolgreich mit einer absolut pragmatischen Praxis kombiniert. Was im Wesentlichen getan wurde, war, was getan werden konnte. Hauptsache war dabei, das Getane entsprechend der offiziellen Anforderungen zu verpacken. Eine Scheinwelt, wo die Initiative strafbar ist. In der heutigen Wirtschaft spiegelt sich dieser Faktor direkt wider. In manchen Unternehmen, in denen die Eigentümer über Generaldirektoren das Unternehmen führen, sind die ersten nicht bereit die Verantwortung zu übergeben, und die zweiten können nicht einmal für operative betriebliche Entscheidungen Verantwortung übernehmen.

Neigung zur „Märchenhaftigkeit“

Gerade bei den jungen Leuten ist zu sehen, dass deren bewusstes Leben in einer Ära des Umdenkens von Werten und des Brechens alter Verhaltensalgorithmen entstand. In der Suche nach neuen Orientierungen greifen sie zu der westlichen Geschäftskultur. In solchen Fällen werden die Attribute häufiger zuerst erworben, aber nicht das Wesentliche. Reich zu sein ist gut, aber nicht unbedingt verbunden mit einer Leistungserbringung. Wie ein reicher Mensch auszusehen und sich zu verhalten hat ist klar! Es wird übersehen, dass demonstratives Verhalten für diejenigen charakteristisch ist, die Reichtum suchen, ihn aber nicht erreicht haben und mit dieser Einstellung nicht erreichen werden. Wenn solche unreife Menschen Unternehmer sind, investieren sie die ersten freien Summen nicht in die Geschäftsentwicklung, sondern in die Gestaltung ihres eigenen Lebens. Wenn sie Angestellte sind, ist ihr Ziel oft nur ein schnelles Karrierewachstum mit allen Attributen des Reichtums und Erfolgs, nicht aber die wirkliche Leistung.

Vetternwirtschaft bis Cliquenwesen

Die russische Geschäftskultur weist noch eine weitere Besonderheit aus – die Vetternwirtschaft, die wiederum mit der Verantwortung des Unternehmers für die Ergebnisse der getroffenen Entscheidungen zusammenhängt. Familienmitglieder haben im Geschäftsleben häufig Vorrang vor Effizienz- und Zweckmäßigkeitsaspekten. Der Moment, in dem die fachlichen Qualitäten des Kandidaten auch für die geplante Arbeit wichtig sein können, tritt in den Hintergrund. Für russische Geschäftsleute geht es um Vertrauen, Loyalität und Treue.

Russische Geschäftskultur – «Sowjetisches Paradigma»

Nach Ansicht von Analysten ist für alle Generationen die sowjetische Periode der Geschichte die Basis der anfänglichen historischen Ära für alle Generationen. Ergänzt wird es natürlich durch die Erfahrung des neuen Russland. Diese Erfahrung ist jedoch eine Art „zweitrangig“, sie überlagert das, was die Sowjetzeit hervorgebracht hat. In der Realität bedeutet dies, dass die Russen dazu neigen, die Gegenwart zu beurteilen und die Entwicklungstendenzen eines Landes vom Standpunkt ihrer Lebenserfahrung, d.h. von spezifisch „sowjetischen“ Positionen, aus zu bewerten, unabhängig von deren derzeitigem ideologischem Hintergrund.
Es ist überall eine steigende Tendenz des Patriotismus zu beobachten. Patriotismus als ein neuer Trend hat praktische Auswirkungen. Zum Beispiel richten viele Menschen ihre Kaufentscheidungen darauf, ob das Produkt Bezug zu Russland hat: ob Produktbezeichnung, Herstellungsort oder Herkunft des Unternehmens.

Aus allen diesen Momenten ergibt sich eine große Diskrepanz zwischen den Standards der globalen Unternehmenskultur und den russischen Standards, die eigentlich noch keine Standards sind.

Russische Geschäftsleute von heute – Handlungsweise

Viele westliche Geschäftsleute merken ab und zu mal, dass für die Russen das Geschäft oft ein Spielfeld und keine harte und langfristige Arbeit ist. Russische Geschäftsleute erwarten vom Auslandsgeschäft sofortige und große Gewinne, und ohne sie verlieren sie oft das Interesse an dem Fall.

Es ist jedoch immer noch möglich in Russland große Gewinne in relativ schneller Zeit zu erzielen durch den Einsatz von Kreativität, Flexibilität und Überlebensfähigkeit der Russen, verbunden mit deren Fähigkeit zu höchster Leistung.

Russische Geschäftsleute erwarten unbewusst, dass ausländische Partner sich an ihre Geschäftspraktiken und -gewohnheiten anpassen und nicht umgekehrt. Es ist nicht einfach, russische Geschäftsleute an westeuropäische Standards anzupassen, aber möglich. Die Russen wollen vom Westen das lernen, was sie weiter bringt. Die russische Geschäftskultur profitiert von den Erfahrungen der Westeuropäer.

Insbesondere die Mängel an Genauigkeit, Pünktlichkeit und einer trockenen Professionalität werden als störend empfunden. Gleichzeitig behindern die Arbeit übermäßige Emotionalität, zu große Abhängigkeit von der Stimmung und persönlichen Beziehungen. Von der anderen Seite sind es gerade diese Eigenschaften, die es ermöglichen, große Sprünge zu machen.

Trotz aller Schwierigkeiten und Versuchungen in der modernen russischen Geschäftsgesellschaft wächst der Wunsch, einerseits ethische Standards für die Geschäftstätigkeit festzulegen, die die besten Traditionen des vorrevolutionären Geschäfts Russlands und andererseits die effektivsten Methoden und Standards der modernen Geschäftsführung umfassen. Noch symptomatischer für das Verhalten russischer Unternehmer ist der Wunsch nach Offenheit und Transparenz im Geschäftsleben.

Denken Sie daran, dass wenn Sie in Russland tätig sind oder tätig sein wollen, dann werden Sie automatisch zu einem Gestaltungsfaktor der russischen Unternehmenskultur. Es ist eine Herausforderung, aber auch eine große Chance.

Russische Geschäftskultur –
wichtig für Ihre Geschäftspläne

Belegen Sie unbedingt ein Multikulturelles Training, am Besten von einer Person, die beide Seiten gut kennt. Das Leben wird für Sie viel einfacher sein – denn Sie werden vieles verstehen, was für Sie heute völlig absurd erscheint.

Denken Sie daran, dass so ein Training für Ihre russische Niederlassung ebenfalls wichtig ist. Dieses Training muss in russischer Sprache sein, ebenfalls von der Person, die beide Seiten gut kennt. Ein grober Fehler vieler deutscher Unternehmen in Russland ist, dies für das russische Team zu vernachlässigen. Das bringt nicht nur große menschliche Enttäuschung für Sie, sondern auch materielle und finanzielle Verluste. Verstehen heißt Gewinnen.

Die Menschen machen Geschäfte – nicht die Gesetze, Anweisungen oder Strukturen.



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